Hans von Flesch-Brunningen


Unvollendet
Geburtsdaten
05.02.1895
Brünn
Sterbedaten
08.01.1981
Bad Ischl

Verbindungen
Albert Ehrenstein
Wilhelm Unger
Georg Kulka
Ernst Angel

Stammt aus einer alten Brünner jüdischen Familie, sein Großvater wurde dank seinem „kaufmännischen Genie“ geadelt und ist zum Katholizismus konvertiert. Flesch wurde katholisch getauft, verbrachte nur die ersten Kinderjahre in seiner Geburtstadt Brünn, nach der Scheidung seiner Eltern zog er mit seiner Mutter nach Wien. Gehört seit seinen ersten Veröffentlichungen vollkommen in den Kontext der österreichischen Vorkriegs-, Exil- und Nachkriegsliteratur, es gibt keine „mährische n Komponenten“ in seinem Werk.

Flesch besuchte das Gymnasium in Hietzing, war Mitschüler von Paul Zsolnay und  Hans Kaltneker, mit denen er die Schüler-Zeitschrift Das neue Land herausgab. 1913 bestand er die Reifeprüfung mit Auszeuchnung und studierte auf Wunsch seines Vaters Jura an der Universität Wien.

Begann in der Studienzeit im expressionistischen Stil zu schreiben, seine ersten Prosastücke und Gedichte publizierte er 1914 in Franz Pfemferts Aktion und im Heidelberger Saturn, so die wüst groteske Geschichte mit apokalyptischem Schluß Der metaphysische Kanarienvogel, die zugleich eine bös-witzige Bürger-Attacke ist und 1979 von Hartmut Geerken in seine Anthologie Märchen des Expressionismus aufgenommen wurde, die utopisch-apokalyptische Geschichte Der Satan, die im fiktiven Kölner-Raum den „kleinen Prinzen“, den Helden dieser Erzählung, die soziale Utopie verwirklichen läßt, die Menschen durch Entbindung von Arbeit, Pflicht- und Moralbewußtsein für rauschhafte, orgiastische sexuelle Aktivitäten freizustellen. Ähnlich wie Alfred Kubins Utopie Die andere Seite (deren Einflüsse spürbar sind) endet der Satan im rauschhaften Massen-Tod. So wie Kubins Einflüsse im Satan, so ist die Filiation durch Albert Ehrensteins Tubutsch in Fleschs Ein Monolog deutlich bemerkbar. Flesch war in dieser Zeit eng mit Albert Ehrenstein befreundet (außerdem mit weiteren österreichischen Expressionisten, Ernst Angel, Georg Kulka u.a.), Ehrensteins berühmter Erzählung entnimmt er die Motive der quälenden Einsamkeit, die einen Menschen selbst mit den eigenen Handschuhen reden läßt, der anödenden Gleichheit der äußeren Impulse, der vereitelten Fluchtversuche in den Rausch, Mord und Selbstmord. Im Unterschied zum völlig gescheiterten Tubutsch Ehrensteins scheint der Ich-Held Fleschs aber doch noch einen Auswag zu sehen, nämlich die Erotik. Fleschs Domäne war in der expressionistischen Zeit eben das Thema der Erotik, das Interesse seiner Zeitgenossen erwarben die - dieses Thema ausschöpfenden - Manifeste Die Revolution der Erotik (in: Wiecker Bote 1, 1914, Hf. 11/12), und An den Tod! (in: Die Aktion 4, 1914, Hf. 30, Sp. 655.) Der Schreibstil der expressionistischen Juvenalien entstand aus Fleschs Aversion gegen das Neuromantische, das „man damals in Wien trug... Aus Opposition ging ich in ein kaltes Zimmer und schrieb auf Klosett-Papier meine erste Prosaskizze.“ Fleschs durchaus konventionell-expressionis­tische (meist erotische) Lyrik mit typischen Großstadtaufnahmen, Bürger-Grotesken, Alkoholrauschszenen ist betont unterkühlt. Franz Pfemfert widmete Flesch eine Sondernummer der „Aktion“, Fleschs frühe Erzählungen wurden in zwei Sammlungen herausgegeben: Das zerstörte Idyll, (1917) und Gegenspiel (1920), aus der frühesten Zeit stammt ebenfalls der Roman Baltasar Tipho. Eine Geschichte vom Stern Karina (1919) und die selbständig herausgegebene Novelle Bürger Narr (1920).

Im Ersten Weltkrieg war Flesch Soldat der reitenden Artillerie an der wolhynischen Front und in Italien, beendete 1919 sein Studium an der Universität Wien mit der Promotion zum Dr. jur. 1919 bis 1923 war er Bankbeamter, 1923 bis 1925 Rechtsanwaltsanwärter, seit 1925 freier Schriftsteller in Wien. Unternahm viele Reisen, verbrachte einege Zeit auf Capri, in Paris, Italien und Berlin, wo er von 1928 bis zur Machtübernahme Hitlers im Rundfunk uns im Verlag Ernst Angels arbeitete.

1934 emigrierte er aus Berlin nach London. Die bevorstehende große Exil-Welle vorausahnend, gab er 1933 das denkwürdige Buch Vertrieben. Von Ovid bis Gorguloff heraus, das die Schicksale berühmter Exulanten darstellt.

Im Londoner Exil war er kulturpolitisch tätig: 1943 initiierte er zusammen mit anderen nicht-kommunistischen Schriftstellern (z.B. ®Mechtilde Lichnowsky) die Abspaltung von der kommunistischen Leitung des „Freien deutschen Kulturbundes“, gründete den „Club 43“ unter der Leitung Hans José Rehfischs. Mit Wilhelm Unger organisierte er Schiller- und Heine-Gedächtnisfeiern, an deren Hunderte teilnahmen. 1940 bis 1958 war er als Ansager und Komentator der österreichischen Abteilung des BBC in London tätig, schrieb für die BBC eine große Zahl von Hörspielen. 1953 bis 1958 war er Präsident des PEN-Zentrums der deutschen Autoren im Ausland. In der Exilzeit schrieb er meistens unter dem Pseudonym Vinzenz Brun. Sein im Exilverlag Allert de Lange herausgegebene Roman Alkibiades wurde von Albert Ehrenstein rezensiert und ins Englische übersetzt, die nachfolgenden Romane The Blonde Spider (1938), Untimely Ulysses (1940), Spirits of night (erschienen 1948 in deutscher Überstzung, das englische Original gilt als verschollen) schrieb Flesch bereits auf Englisch. Die Exil-Romane behandeln die Exil-Schicksale fiktiver Helden, äußern sich zur aktuellen politischen Lage im von Hitler bedrohten Europa, aber auch in England (z.B. die englische Appeasement-Politik gegenüber Hitler vor Ausbruch des Krieges). Stilistische Einflüsse von James Joyce (den Flesch aus Paris persönlich kannte) werden desöfteren für seine englischen Schriften diagnostiziert

Vor seiner Rückkkehr nach Wien 1962 unternahm Flesch mit Hilde Spiel, seiner zukünftigen Ehefrau, eine Reise nach Griechenland. Im Nachkriegsösterreich war er am Literaturleben aktiv beteiligt, war Vorstandsmitglied des österreichischen PEN-Clubs und verfolgte das österreichische Literaturleben kritisch auch in seinen Schriften, so im Roman Die Frumm (1979), einem politischen Panorama Österreichs vom Ersten Weltkrieg bis etwa 1950 voll bizzerster Szenen, und in seinen Memoiren Die verführte Zeit (1988).

 

Bibliographie:

Selbständige Publikationen:

Das zerstörte Idyll. Novellen. Kurt Wolff Verlag Leipzig 1917.

Baltasar Tipho. Eine Geschichte vom Stern Karina. Roman. E.P. Tal Leipzig/Wien 1919.

Bürger Narr. Novelle. Ed. Strache-Verlag Wien/Prag/Leipzig 1920.

Gegenspiel. Erzählungen. Ed. Strache-Verlag Wien/Prag/Leipzig 1920.

Die beiden Wege. Ein Buch der Jugend. (Nachwort von A.Ehrensten). Merlin-Verlag, Baden-Baden, 1928.

Auszug und Wiederkehr. Roman. Martin Wasservoegel Verlag, Berlin, 1929.

Herz-Weg zur Mitte. Erzählung. Merlin-Verlag, Baden-Baden, 1929.

Die Amazone. Revolutionsroman. Propyläen-Verlag, Berlin, 1930.

Vertrieben. Von Ovid bis Gorguloff. Erbelmühl Verlag Wien 1933.

Die Herzogin von Ragusa. Roman aus dem Baden-Baden der Befreiungskriege. Bergland Buch Graz 1935.

Alkibiades. Roman von Vinzenz Brun. Allert de Lange Amsterdam 1936.

The Blonde Spider. A novel. Vinzenz Brun. Jonathan Cape London 1939.

Unter dem Titel Masquerade 1938 in New York.

Untimely Ulysses. Jonathan Cape London 1940.

Perlen und schwarze Tränen. Vinzenz Brun. Übersetzung des englischen Originals Spirits of night. Krüger Verlag Hamburg 1948. Neuausgabe: Nymphenburger Verlagshandlung München 1980.

Die Teile und das Ganze. Roman. Paul Zsolnay Verlag Wien 1969.

Die Frumm. Roman. Nymphenburger Verlagshandlug München 1979.

Politisches Panorama Österreichs vom Ersten Weltkrieg bis etwa 1950. auch hier voll bizzerster Szenen (z.B. ein amerikanischer Offizier versucht sich in Wien inach 1945 mit dem Stadtplan von Berlin zurechtzufinden...)

Die verführte Zeit. Lebenserinnerungen. Hrsg. u. Nachwort von Manfred Mixner. Wien/München 1988.

 

Publikationen in Zeitschriften und Anthologien:

Die Revolution der Erotik. In: Wiecker Bote 1, 1914, Hf. 11/12.

An den Tod! In: Die Aktion 4, 1914, Hf. 30, Sp. 655.

weiter in:

Saturn. Hrsg. von Hermann Meister und Robert R. Schmidt. Jg. 1-5, 1911-1920, Heidelberg.

Die Botschaft. Hrsg. von E.A.Rhein­hardt. Ed. Strache Verlag, Wien/Prag/Leipzig, 1920.

Vom jüngsten Tag. Ein Almanach neuer Dichtung. Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1914.

Ahnung und Aufbruch Expressionistische Prosa. Hrsg. von Karl Otten. Luchterhand Verlag Darmstadt/Berlin 1957.

Ich schneide die Zeit aus. Expressionismus und Politik in Franz Pfemferts „Aktion“. Hrsg. von Paul Raabe. DTV München 1964.

Expressionismus. Erinnerungen und Aufzeichnungen der Zeitgenossen. Hrsg. von Paul Raabe. Walter Verlag Olden 1965.

Die goldene Bombe. Expressionistische Märchendichtungen und Grotesken. Hrsg. von Hartmut Geerken. Agora Verlag Darmstadt 1970.

Märchen des Expressionismus. Hrsg. von Hartmut Geerken, Fi­scher Verlag Frankfurt 1979.

Hirnwelten funkeln. Literatur des Expressionismus in Wien. Hrsg. von Ernst Fischer und Wilhelm Haefs. Otto Müller Verlag Salzburg 1988.

Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde. Hrsg. Armin A. Wallas, Edition Neue Texte Wien/Linz 1988.

 

Herausgegebene Schriften:

Südwestedeutsche Rundfunk-Zeitung. Zs. mit W. Schüller. H. Bechhold Verlag Frankfurt am Main 1925.

Die letzten Habsburger in Augenzeugenberichten. Hrsg. und eingeleitet. Rauch Verlag Düsseldorf 1967.

Doderer, Heimito von: Frühe Prosa. Hrsg. und Nachwort. Biederstein Verlag München 1968.

 

Übersetzungen aus dem Englischen (William Maugham, Padraic Colum, Robert Louis Stevenson, Ernest Turner, Constantin Virgil Gheorgiu, Gwyn Griffin, Arthur Kostler, Colin Wilson, Bruce Marshall)

 

Nachlaß

Marbach, Deutsches Literaturarchiv.

Wien, Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur

 

Sekundärliteratur:

Garger, Sonja: Hans Flesch-Bruningen. Eine Einführung zu Leben und Werk. Dipl. Wien 1995.

Raabe, Paul: Die Autoren und Bücher des literarischen Expressionismus. Metzler, Stuttgart, 1992.

Strelka, Joseph Peter: Des Odysseus Nachfahren. Österreichische Exilliteratur seit 1938. Francke Tübingen/Basel 1999.

 

Porträt von Egon Schiele aus Raabe, Paul: Die Autoren und Bücher des literarischen Expressionismus. Metzler, Stuttgart, 1992.

 

Ingeborg Fiala-Fürst,