Max Zweig: Vzpomínky


Jahr der Publikation
2004
Verlag
Nonse
Publikationsort
Olomouc
Gattung
Kürzere Prosa (Novelle, Erzählung usw.)
Bibliographische Daten
Vzpomínky. Nonse, Olomouc 2004
Art der Veröffentlichung
Separate Veröffentlichung

In seinen "Lebenserinnerungen" vergleicht Max Zweig seine Geburtsstadt und die Stadt Olmütz

Da ich dazu bestimmt war, Jus zu studieren, mußte ich ein Gymna­sium besuchen. In Proßnitz gab es ein tschechisches Gymnasium und eine tschechische Realschule, aber nur eine deutsche Realschule. Das nächstgelegene deutsche Gymnasium befand sich in Olmütz. Ich weiß heute noch meinem Vater Dank dafür, daß er mich nicht der Qual eines Realschulstudiums aussetzte und mich lieber als halbes Kind aus dem Hause ließ, als mich in ein tschechisches Gymnasium zu schicken. So genoß ich den unschätzbaren Vorzug, in der Sprache einer alten, hochentwickelten Kultur leben und denken zu dürfen, und nicht in einer Kultur, welche Jahrhunderte lang geschlafen hatte und eben erst begann, sich neu zu bilden.

Proßnitz war ein reizloser Flecken, Olmütz eine Stadt von alter deut­scher Kultur, die noch in der Gegenwart spürbar war. In meiner Jugend hatte es etwa vierzigtausend Einwohner: fünfundzwanzigtausend Deutsche, unter diesen etwa zweitausend Juden, und fünf­zehntausend Tschechen. Diese deutsche Majorität wurde künstlich aufrechterhalten, indem man die fast nur von Tschechen bewohnten Vorstädte, die längst mit dem Stadtkern zusammengewachsen waren, nicht in die Olmützer Stadtgemeinde aufnahm, sondern sie zwang, unabhängige, kleine Gemeinden zu bilden. Als die Tschechen nach Gründung ihres Staates diese Vororte, wie nur billig, eingemeindeten, war Olmütz plötzlich eine Stadt mit mehr als achtzigtausend Einwoh­nern, in der die Deutschen kaum mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausmachten. Während es in Proßnitz nur zwei Baulichkeiten gab, welche den Blick auf sich zogen: die in gemäßigtem Barock gebaute Stadtpfarrkirche und das an sie anstoßende gleichfalls barocke Rat­haus, dessen erstem Stockwerk eine Arkade mit breiten Bögen vorge­baut war, gab es in Olmütz eine Fülle dessen, was das Auge erfreute: mehrere große, vielgestaltige Plätze, deren alte Form noch erkennbar war, eine stattliche Anzahl von Kirchen, zumeist barocken, aber auch eine romanische, die Mauritzkirche, ein in der Mitte des Hauptplat­zes, des Oberrings, freistehendes Rathaus, mit einer gotischen Kunst­uhr, eine hohe Mariensäule, mehrere barocke wasserspeiende Brun­nen, prächtige Patrizierhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert, ehe­malige ausgedehnte, nun mit Grün bepflanzte Festungswerke, und, vor allem, zwei große breite Parks mit Alleen uralter Bäume, farben­prächtigen Blumenbeeten und einem stillen Weiher.

Proßnitz erschien grau und nüchtern, Olmütz bunt und lebendig. Es war der Sitz eines Erzbischofs und zahlreicher höherer staatlicher Behörden und die Garnison mehrerer Regimenter, welche allen Waf­fengattungen angehörten. Daher begegnete man auf den Straßen auf Schritt und Tritt Militäruniformen, Priestergewändern, Mönchs- und Nonnenkutten oder Talaren von Theologiestudenten. Es war auch eine Stadt, die Feste liebte: bei jeder patriotischen oder kirchlichen Feier, und deren gab es viele, wurden Fahnen gehißt und die Häuser mit Blumen geschmückt. Den Höhepunkt des Festjahres bildete die Fronleichnamsprozession, die ein wahres Volksfest war. An dem Zu­ge, der fast durch die ganze Stadt ging und etwa zwei Stunden dauer­te, während die Straßen, durch welche er zog, von Menschenmengen gesäumt waren, nahmen außer Hunderten von weißgekleideten Mäd­chen, die ihn eröffneten, der Erzbischof und das Domkapitel in prachtvollen Gewändern teil, die in der Stadt garnisonierten Generäle und hohe Beamte in Paradeuniformen, Weltgeistliche, Klosterbrüder und -frauen und eine Masse festlich geschmückten Volks. Am Schluß marschierte eine Kompanie Soldaten, die, nachdem am letzten Stra­ßenaltar gebetet worden war, einen krachenden Salutschuß in die Luft feuerte, der das Ende des Festzuges bedeutete.

Für mich war allerdings die Hauptattraktion, welche Olmütz besaß, das Theater. Es spielte in einem am Oberring gelegenen klassizisti­schen Gebäude, und es wurden Schauspiele, Opern und Operetten aufgeführt. Dazu war ein riesiges Ensemble nötig, es mußten Schau­spieler, Sänger, ein stattliches Orchester, ein Chor und Statisten enga­giert werden. Gespielt wurde acht oder neun Monate im Jahr. Ich hatte nur ein bescheidenes Taschengeld, aber ich glaube, daß während meiner acht Gymnasialjahre kaum eine Spielwoche verging, in wel­cher ich nicht im Theater gewesen wäre. Manchmal schwindelte ich mich, ohne zu zahlen, hinein, andere Male konnte ich mich als Gast meiner Onkel ausgeben, welche auf eine Loge an einem bestimmten Wochentag abonniert waren. Ich besuchte alle Aufführungen klassi­scher Werke, aber auch die der damals modernen Stücke von Ibsen, Hauptmann, Sudermann, Halbe, Beer-Hofmann, Shaw, Wilde und anderer. Ich habe noch heute manche der damals geschauten Szenen vor Augen und glaube, daß es mitunter recht eindrucksvolle Auffüh­rungen gab. Ich hatte auch die Oper für mich entdeckt und sah im Lauf der Jahre ein ganzes Repertoire von Opern, auch von Wagners Musikdramen. Dagegen setzte ich nie den Fuß ins Theater, wenn Schwänke oder Operetten gespielt wurden. Ich schenkte alle Begeiste­rung, welche ich der Schule entzogen hatte, dem Theater. Das Thea­terprogramm, welches vor dem Beginn der Saison veröffentlicht wur­de, war mir weit wichtiger als das Schulprogramm für das nächste Semester. Das Theater war meine Leidenschaft. Es war meine Liebe. Es war auch mein einziger Gesprächsstoff. Allein dank dem Theater sind diese acht Gymnasialjahre für mich nicht nur erträglich, sondern sogar fast erfreulich gewesen.