Walter Seidl


Unvollendet
Geburtsdaten
17.04.1905
Troppau
Sterbedaten
29.08.1937
Neapel

Unter den Dichtern und Journalisten, die teilhatten an der inzwischen wiederentdeckten deutschsprachigen Literatur aus Prag, gehörte Walter Seidl lange Zeit zu den Verschollenen. Erst mit der Wiederveröffentlichung seines letzten Romans Der Berg der Liebenden (2002) wurde an einen Einzelgänger erinnert, von dem Max Brod („Der Prager Kreis“) meinte, er wäre ein „Meister hohen Ranges“ geworden, hätte er nur länger gelebt. Ursächlich für das Vergessen waren mehrere Gründe. Zu spät geboren, um noch die ‚großen Zeiten‘ der Prager Literatur zu erleben, konnte Seidl mit seinen Werken im wesentlichen erst in den dreißiger Jahren reüssieren, unter politischen Verhältnissen in Mitteleuropa, die ihm den Ausweg so vieler anderer Prager Schriftsteller nach Berlin versperrten und seine Wirkungsmöglichkeiten auf seine böhmische Heimat beschränkten. Zugleich konnte Seidl sich in den wenigen Jahren bis zu seinem frühen Tod, der ihm das Erlebnis von Okkupation, Unterdrückung und Krieg ersparen sollte, zwar als große literarische Hoffnung bemerkbar machen, aber doch nicht so nachhaltig ins Bewußtsein seiner Zeitgenossen einschreiben, daß ihr Gedächtnis an ihn diese katastrophale Zeitenwende überdauert hätte. Nicht zuletzt dürfte ihn auch seine für Prager Verhältnisse ungewöhnliche nicht-jüdische (protestantische) Herkunft aus dem ‚sudetendeutschen‘ Randgebiet aus dem Blickfeld des Forschungsinteresses gerückt haben.

Geboren wurde Walter Seidl am 17. April 1905 in der mährisch-schlesischen Kleinstadt Troppau an der Oppa, westlich von Mährisch-Ostrau und nahe der schlesischen Grenze. Sein Vater, der erzreaktionäre, deutschradikale Reichsratsabgeordnete Ferdinand Seidl, scheint ihn und den älteren Bruder Kurt einer strengen Disziplin unterworfen zu haben und bestimmte ihn früh für die Offizierslaufbahn. Obwohl Walter sich ebenso wie sein Bruder, der später Komponist wurde, unter dem Einfluß der Mutter Marie schon als Kind zur Musik und Literatur hingezogen fühlte, mußte er die Militärrealschule in Bruck an der Leitha besuchen, wo er unter der militärischen Strenge und Pubertätskonflikten ähnlich zu leiden hatte wie vor ihm schon andernorts die Kadetten Rilke oder Musil. Erst nach dem Tod des Vaters, der als Hauptmann im Weltkrieg fiel, und dem Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie gelang ihm die Befreiung aus der väterlichen Ordnungswelt, als deren ironisches Relikt er später ein auffälliges Monokel trug. Mit Unterstützung der Mutter - sie sollte dann den Bauingenieur Johannes Storm heiraten, beim Tod seines Stiefsohnes Baubezirksleiter in Deutschbrod - durfte Walter die verhaßte militärische Zuchtanstalt verlassen und zunächst das Realgymnasium in Dux und anschließend die Handelsakademie in Pilsen besuchen. Es war dann wohl vor allem seine Liebe zur französischen Musik (Debussy) und Literatur (Flaubert), die ihn gegen Mitte der zwanziger Jahre, in einer Zeit größter Franzosenfeindlichkeit unter seinen deutschen Landsleuten, zu dem ungewöhnlichen Entschluß bewegte, im Süden Frankreichs in der Alpenstadt Grenoble zu studieren, wo er die Fächer Literaturgeschichte, Musikwissenschaft und französische Sprache belegte. Die Zeit in Grenoble, die sich ebenso wie die Kindheits- und Jugendjahre widergespiegelt findet in den „Erlebnissen eines jungen Deutschen“ im Roman Der Berg der Liebenden, wurde zur vielleicht wichtigsten Erfahrung im kurzen Leben Walter Seidls: Sie vertiefte seine musischen Interessen und Kenntnisse und prägte seinen oft ironisch gebrochenen, leichtfüßigen Sprachstil, vor allem aber erweckte das dort vorgelebte Miteinander der Nationen in dem einstigen österreichisch-ungarischen Untertan und jetzigen tschechoslowakischen Staatsbürger deutscher Herkunft das Ideal europäischer Einheit und der Verständigung mit Frankreich. Obwohl er sich durchaus als Deutscher verstand, war er deutschnationalen Phrasen gegenüber seither immun und auch sonst nicht bereit, den einmal gewonnenen erweiterten Horizont durch fremde Ideologien zu verengen.

Gegen Ende der zwanziger Jahre scheint Walter Seidl zunächst noch einmal für kurze Zeit in die mährisch-schlesische Heimat zurückgekehrt zu sein; seine frühesten bisher bekannten Veröffentlichungen, darunter die Erzählung Höllenfahrt, erschienen jedenfalls 1928 im Feuilleton der „Deutschen Zeitung“, dem deutschnationalen Blatt von Troppau und Olmütz. Ebenfalls aus dem Jahr 1928 datiert die noch reichlich pubertär wirkende Komödie Holdrioh - die Zirbeldrüse, ein „tragisches Schundstück in drei Aufzügen“, das später zur Vorlage für die Groteske Wirbel in der Zirbeldrüse wurde. Wichtiger freilich sind fünf Dramatische Situationen, grotesk-absurde Kurzparodien bekannter Dramengenres, und die drei (eigentlich nur zwei) kurzen Prosastücke Das Märchen vom neuen Künstler, Variation über ein Thema der Wesendonck und Furcht. Roman, die Seidl in den letzten beiden Jahrgängen 1928/29 und 1929/30 von Herwarth Waldens berühmter Avantgardezeitschrift „Der Sturm“ in Berlin veröffentlichen konnte. Allein schon der Publikationsort zeigt an, wie fern er der ‚Heimatkunst‘ anderer ‚sudetendeutscher‘ Schriftsteller stand und wie sehr es ihm um eine Teilhabe an der internationalen Moderne ging. Die Texte selbst freilich verraten neben dem ludischen Umgang mit vertrauten Mustern und der Lust an der Provokation auch seine Skepsis gegenüber der öffentlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Wirkung des ‚neuen Künstlertums‘, und in die Ironie, mit der er einen kurzen Lebensabriss „Roman“ nennt, mischt sich schmerzlich die existentielle Angst, aus „Furcht“ vor dem Leben den Sinn des Daseins zu verfehlen - eine Kohärenz komischer und tragischer Momente, die dann auch im weiteren Werk signifikant blieb.

Als seine ersten Arbeiten im „Sturm“ erschienen, möglicherweise vermittelt durch Otto Pick, der durch seine zahlreichen Übersetzungen aus dem Tschechischen gute Beziehungen zu deutschen Literaturzeitschriften besaß und das Schaffen des jungen Schriftstellers auch weiterhin fördernd begleitete, dürfte Walter Seidl, dem die provinziellen Verhältnisse seiner mährisch-schlesischen Heimat auf Dauer kaum genügen konnten, bereits in Prag gelebt haben. In „Kürschners Literaturkalender“ für das Jahr 1930 ist seine Adresse mit Prag-Bubeneč, Verdunská 5, westlich des Baumgartens, angegeben; spätestens ab 1932 wohnte er, inzwischen Mitglied des PEN und des SDS (Schutzverband Deutscher Schriftsteller in der Tschechoslowakei) im Stadtteil Vinohrady (Kgl. Weinberge) in der Fochová (heute Vinohradská) 106, und zuletzt, mindestens seit 1935, in der Jungmannova 9, im neustädtischen Zentrum der tschechoslowakischen Hauptstadt.

Seit dem Sommer 1930, bereits ausgewiesen durch seinen ersten Roman Anasthase und das Untier Richard Wagner, arbeitete Seidl als Musikreferent beim liberalen „Prager Tagblatt“ in der Panská 12. Er gewann dort rasch die Zuneigung seines ebenso musikbegeisterten Redaktionskollegen Max Brod, der in ihm später nicht nur den „großen Künstler“, sondern auch den „charakterfesten“ Menschen schätzte. Als „sehr hübsch, sehr intellektuell, sehr blond“ beschreibt Brod in seinem Erinnerungsbuch „Der Prager Kreis“ den „stets sehr höflichen, charmanten Seidl“, hebt freilich auch einen ihm weniger sympathischen Charakterzug hervor, den er wohl vom Vater ererbt hatte: „Seidl war [...] arrogant, wenn er es auch nur ausgewählten Individuen gegenüber und geschmackvollerweise selten zeigte. Vor mir [...] erstarb er in verehrungsvollen Dedikationen, mit denen er die Widmungsexemplare seiner Bücher seitenlang ausschmückte.“ Freilich dürfte Seidls ‚Arroganz‘ vor allem der künstlerischen und politischen Ignoranz der Bürger gegolten haben, und seine Verehrung des nicht weniger arroganten Brod entsprang mehr der Dankbarkeit für dessen Förderung als der Bewunderung des Schriftstellers. Ganz selbstverständlich beteiligte Seidl sich mit einem Essay über den „Kritiker“ Max Brod 1934 an einer Festschrift zu dessen 50. Geburtstag, so wie er drei Jahre später aus demselben Anlaß auch zu den Gratulanten seines anderen Mentors Otto Pick gehörte.

Als Musikkritiker war Walter Seidl, wie selbst die deutschnationale Prager Konkurrenz in einem Nachruf („Deutsche Zeitung Bohemia“ 31.8.1937) anerkannte, „eine eigenwillige, immer interessierende Persönlichkeit“. In seinen zahlreichen Artikeln zur Musik, die zumeist den aktuellen Konzertereignissen in Prag und Böhmen galten, erwies sich Seidl, der mitunter selbst als Komponist dilettierte und mehrere Instrumente, besonders das Violinspiel, beherrschte, nicht nur als kompetenter Kenner der gesamten europäischen Musikgeschichte und untrüglicher Kritiker, der ohne Rücksicht auf Prager Verbindlichkeiten auch vor scharfer Verurteilung verfehlter Interpretationen nicht zurückschreckte, sie zeigen ihn zudem als engagierten Anwalt der ‚neuesten‘ Musik seit Strawinsky, wie sie in Prag etwa von Komponisten wie Walter Kaufmann, Hans Walter Süßkind oder seinem Bruder Kurt Seidl vertreten wurde, und nicht zuletzt als jemanden, der in der Musik bei allen nationalen Eigenheiten ein Mittel der Völkerverständigung sah. Wie selbstverständlich besprach er denn auch gleichermaßen tschechische wie deutsche Musikereignisse, liebte er Janáček nicht weniger als Brahms oder Reger. Bei alldem war es sein erstes Anliegen, nicht nur den Fachmann anzusprechen, sondern auch im musikalischen Laien einen Sinn für den universalen Reichtum der Musik zu wecken.

War sein Hauptfeld im „Prager Tagblatt“ auch die Musikkritik, so konnte Walter Seidl daneben doch über die verschiedensten anderen Themen schreiben, von gelegentlichen Theater- und Filmkritiken über humoristische Feuilletons bis hin zu Artikeln über die Kulturaufgaben des Sudetendeutschtums oder Aufrufen zur „Erzgebirgshilfe“, in der er sich auch persönlich engagierte. Häufig berichtete er über seine Reisen, die er quer durch Europa und in alle Himmelsrichtungen unternahm, auch dies stets im Bewußtsein, dem Leser fremde Länder und Menschen mit ihrer je anderen Geschichte, Kultur und Lebensweise näherzubringen und so auf seine Weise zu einem friedlichen Miteinander beizutragen. Auch das Erlebnis im Hause Knut Hamsuns (1933), neben den Romanen die einzige reguläre Buchveröffentlichung Seidls, war die Frucht einer Reise, die ihn im Sommer 1932 nach Skandinavien geführt hatte, und wenngleich es auch ihm nicht gelungen war, dem unnahbaren Norweger in dessen weißem Haus auf Nørholm zu begegnen, zeigt dieser Bericht eines mißlungenen Besuchs doch aufs schönste, wie er selbst daraus noch amüsante Funken schlagen konnte.

Eine seiner letzten Reisen brachte Seidl im Frühling 1937 in die verschiedensten Städte und Gegenden des Deutschen Reichs, dokumentiert im Tagebuch einer Deutschlandreise, das von Mai bis Juni im „Prager Tagblatt“ erschien. Zwar ist diese Aufsatzreihe, in der Seidl sich bewußt auf „Kunsteindrücke“ beschränkt, die er „Abend für Abend“ als „Zuhörer in Theater, Konzert oder Kabarett“, durch Bücher und Filme und vor allem durch den „Kontakt zu geistigen Menschen und Künstlern von entgegengesetztesten Auffassungen und Gesinnungen“ gewonnen hatte, weitgehend auf tagesaktuelle, längst verblichene Momentaufnahmen beschränkt, bemerkenswert ist aber, daß er die deutschen Verhältnisse, anders als es von einem ‚sudetendeutschen‘ Schriftsteller zu erwarten wäre, wie selbstverständlich aus der distanzierten Sicht eines tschechoslowakischen Kulturreporters schildert und sich nirgends, weder im positiven noch negativen Sinn, mit ihnen identifiziert. Deutschland war ihm nicht weniger Ausland als etwa der drei Jahre zuvor durchstreifte Balkan. Daran, daß Seidl das Naziregime und insbesondere die Unterdrückung der Kunst ablehnte, lassen die Artikel keinen Zweifel; unverkennbar ist aber auch, daß er aus der Distanz und verleitet durch die Ansichten seiner Gewährsleute nicht in der Lage war, das tatsächliche Ausmaß des Terrors zu ermessen und vielmehr darauf vertraute, auch das ‚neue‘ Deutschland könne sich mit der Zeit in ein friedliches Europa integrieren.

Vor diesem Hintergrund positiven Denkens muß Max Brods Lob der „Charakterzüge“ Walter Seidls etwas relativiert werden, ohne diese selbst deshalb in Frage stellen zu wollen. In seinem Buch über den „Prager Kreis“ schreibt Brod: „Seidl harrte mit anerkennenswertem Mut charakterfest bei uns aus, während manche andern ‚Kollegen‘, die gleich ihm der erlaubten Rasse angehörten, im Moment des entscheidenden Gongschlags sehr rasch von uns abfielen und zum Feind übergingen. Seidl blieb.“ In Wahrheit hat Seidl den „entscheidenden Gongschlag“ nicht mehr erleben müssen, gab es für ihn bis zuletzt keinen Anlaß, seine Stellung beim „Prager Tagblatt“ aufzugeben. Erst nach dem Münchener Abkommen im September 1938, dem im März 1939 der Einmarsch deutscher Truppen folgte, wurde die Situation unhaltbar, begann der Exodus der Prager deutschen Literatur ins Exil oder in den Untergang. Bis dahin aber, in jenen Jahren, in denen Seidl seine größten Erfolge hatte, war gerade Prag durch die Emigranten aus dem Deutschen Reich und eine endliche Symbiose deutscher und tschechischer Künstler noch einmal ein Zentrum europäischer Literatur, wenn auch bereits überschattet von drohendem Verhängnis.

Ein Problem, mit dem Walter Seidl sich als Musikkritiker immer wieder auseinandersetzte, war sein ambivalentes Verhältnis zu Richard Wagner. Einerseits intellektuell abgestoßen von dessen heroisch-pathetischer Deutschtümelei, konnte er sich andererseits der emotionalen Faszination dieser in Tönen und Bildern schwelgenden, heidnisch-mystischen Musikdramen doch nicht entziehen und bemühte sich daher auch um ihr psychologisches Verständnis, ähnlich wie Thomas Mann, den er 1933 nach dem berüchtigten „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ in einem Offenen Brief an den Mitunterzeichner Richard Strauß energisch gegen die ohnehin verhaßten ‚reinblütigen‘ Wagnerianer verteidigte. Der ‚unentschiedene Fall‘ Wagner inspirierte Seidl aber auch zu seinem ersten Roman mit dem merkwürdigen Titel Anasthase und das Untier Richard Wagner, mit dem der junge Schriftsteller 1930 erstmals aufhorchen ließ. In teils grotesker Übersteigerung schildert der ‚satirische Musikerroman‘ das skurrile Schicksal des Anasthase Alfaric, der seine Existenz einem durch Debussy-Klänge erzeugten Liebesrausch seiner Eltern, einer Deutschen und eines Franzosen, verdankt, in Paris zu einem gefeierten Musikkritiker der Avantgarde aufsteigt und in Haßliebe fast zeitlebens mit dem musikalischen „Untier“ Richard Wagner ringt, um ihm am Ende, überwältigt vom zweiten Akt des Bayreuther „Tristan“, dann doch zu unterliegen und Fremdenführer im Haus Wahnfried zu werden. Thomas Mann schrieb dem Verfasser am 29.4.1932, in „Anasthase“ habe er „die dichterische Auferstehung eines Problems“ erlebt, an dem seine „eigene Jugend sich übte, und das mit [seinem] Leben verbunden bleibt“, und auch die Kritiken waren überwiegend zustimmend. Bernhard Diebold etwa, selber hervorgetreten mit einer kritischen „Revision“ des „Falls Wagner“ (1928), nannte Anasthase eine „mit witzigster Lanze ausgefochtene Donquichotterie“ und „bestechende Talentprobe“ („Jeder Musiker müßte sich in Anasthasens Irrgarten ergehen - um sich zurechtzufinden“), für Rudolf Fuchs war der „bisher unbekannte Prager Schriftsteller“ „schon mit diesem ersten Werk ein eigener, dem die Prosa natürlich fließt und dem die Welt von heute ernstlich zu tun gibt“, und Paul Eisner hielt es „nach diesem Debut“ für ausgemacht: „Habemus auctorem. Einen, der seine nicht unwichtige, seine viele und vieles angehende These zu setzen und sie eigenartig und mit allen Symptomen wirklichen gestaltenden Vermögens vorzutragen weiß.“ Was den Roman Anasthase und das Untier Richard Wagner noch heute zu einer interessanten und amüsanten Lektüre werden läßt, neben dem erstaunlich reifen, dabei pointierten Erzählstil und der Behandlung ernster Grenzfragen deutsch-französischer Psyche, ist die vor nichts haltmachende, angesichts zahlreicher autobiographischer Konstellationen oft auch selbstreflexive Ironie des Autors, die sich am Schluß, wenn der „Tristan“-Abend dem Helden „das erste Weib seines Lebens, seinem neuen Münchner Freund aber den Tod“ bringt (unter dem stabreimenden Motto: „Wagner wirkt“), bis ins Absurde steigert. So gehört schon einige Unempfindlichkeit für ironische Zwischentöne dazu, wie Rudolf Fuchs eine Bewegung „von Frankreich nach Deutschland, vom Wissen zum Leben, vom Fortschritt zur Tradition, vom Wesen zur Liebe“ auszumachen, oder gar, wie der deutschnationale Kritiker Erwin Heine aus Seidls Heimat, den Triumph Wagners und deutscher Musik über französische Dekadenz und Neutönerei beschrieben zu finden. Das ‚Problem Wagner‘ wird auch in Seidls Roman nicht gelöst: Dem Sieg Wagners durch die elementare Kraft seiner Musik steht die geistige Selbstaufgabe Anasthases gegenüber, der mit geradezu religiöser Andacht das letzte Hemd des Meisters hütet.

Als Walter Seidl Ende 1932 seinen zweiten Roman Romeo im Fegefeuer vorlegte, der zunächst Lotte, Romeo und Yvett heißen sollte, war er bereits so bekannt, daß man ihn schon vorab zu öffentlichen Lesungen daraus einlud. Wie schon mit Anasthase war ihm ein Buch gelungen, in dem sich Ernstes und Heiteres, Anspruch und Unterhaltung aufs glücklichste verbinden. Die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis schrieb geradezu emphatisch in der „Vossischen Zeitung“:

Gott behüte diesen Kerl, Walter Seidl, und lasse ihn lange leben und noch viele solcher Bücher schreiben! Köstlich, köstlich vom ersten bis zum letzten Satz. Künstlerisch wird man vom Stil dieses Buches vollkommen bezaubert, menschlich kann man nur bewundern! Welche Überlegenheit, so fest zuzupacken. Dieser Romeo ist ewig, weil er die Jugend ist. Seine Rendezvous gehören zum amüsantesten, was je geschrieben worden ist.

Mag dieses emotionale Urteil auch ebenso übertrieben sein wie eine Kritik in der „B. Z. am Mittag“, wonach die zeittypische „Mischung von Hilflosigkeit und Frechheit, von Selbstmordkoketterie und Lebensheißhunger einer ratlosen Jugend [...] noch nie so scharf, so witzig, so wirklichkeitsnahe dargestellt worden“ sei wie hier, so ändert dies doch nichts daran, daß Seidl mit der Geschichte des tragisch ungebundenen Jurastudenten Romeo Reif und seiner willkürlichen Liebschaften tatsächlich einen der amüsantesten Kleinstadtromane seiner Zeit geschrieben hat. Zugleich läßt sich der Roman als Dokument einer orientierungslosen Jugendgeneration lesen, deren innere Leere inzwischen als wesentliche Voraussetzung für ihre Verführbarkeit durch faschistische Gemeinschaftsparolen erkennbar geworden war. So schrieb Heinz Pollitzer in der „Literarischen Welt“:

Ausgestattet mit dem psychologischen und stilistischen Instrumentar neuester Epik, unter dem eine völlig distanzlose, angreiferische, beinah pathetische Ironie besonders merkwürdig ist, visiert [Seidl] den Zustand und die Problematik der Jugend innerhalb des Verfalls des deutschen Bürgertums.

Ähnlich wie im Wagner-Roman verbinden sich auch in Romeo im Fegefeuer aphoristischer Sprachwitz und skurrile Situationskomik mit satirischer Kritik an philiströsen Verhältnissen und tragischen Existenzfragen. Am Ende aller fehlgeschlagenen Bemühungen des unheldischen Helden, sozial und erotisch in der Provinzstadt zu avancieren, bleibt ihm nur die Flucht aus der Enge in die Weite des Nordens. Die distanziert-ironische Darstellung läßt jedoch auch hier Zweifel, ob es ihm tatsächlich gelingen wird, zu innerer Befreiung zu gelangen.

XXX

Die in Walter Seidls ersten beiden Romanen deutliche Lust und Begabung, mittels Scherz, Satire und Ironie (dabei nicht ohne tiefere Bedeutung) zu provozieren, schlägt die größten Kapriolen in der grotesken, an Wedekind („Frühlings Erwachen“) und Heinrich Mann („Professor Unrat“) erinnernden Sexualkomödie Wirbel in der Zirbeldrüse, einer gemeinsam mit Ottokar Winicky überarbeiteten Fassung des „tragischen Schundstücks“ Holdrioh - die Zirbeldrüse. Bereits 1930 als Bühnenmanuskript gedruckt, wurde das Drama erst im April 1932 in Prag uraufgeführt (laut einer Vorbemerkung, nach der die Zeit nicht reif sei für solch ein „Werk der Abgründe“, noch immer viel zu früh), und unterstrich nun Seidls noch jungen Ruf als eines der größten Talente Prager deutscher Literatur, zumal diese in jener Zeit nur wenige derart humorbegabte und unpathetische Dramatiker aufzuweisen hatte. Während Max Brod, wohl auch wegen der „arroganten“ Vorbemerkung, später kein gutes Haar an dem „Opus“ ließ und es in das „Gebiet der Dekadenz“ wies, „dort, wo sie nur noch langweilig ist“, waren Kritik und Publikum trotz einiger bühnentechnischer Mängel (wie dem Fehlen szenischer Elemente) doch recht angetan von der Burleske um einen erotisch verklemmten Mittelschullehrer, der nach einer tierischen Metamorphose buchstäblich als Hornochse Europa erobert, und einen pervers-vergreisten Tertianer, der ihm zu seinem Liebesglück verhelfen will. Dabei wies Paul Eisner mit Recht darauf hin, daß die Komödie mehr sei als ein „grotesker Ulk“ oder gar ein Appell für eine „neue Sittlichkeit in Sexualdingen“:

Richtig verstanden, hat sie einer unwahrscheinlichen Gesellschaft ein Wort zu sagen und ist dann ein Spiegelstück in dem Sinne, daß jedesmal, wann immer auf der Bühne dieses Stückes ein Idiot den Mund auftut, der von ihm bekämpfte Gegen-Idiot sympathisch wird und recht behält. [...] Eine Gesellschaft, die es niemals hätte geben dürfen und anscheinend dennoch gibt, hält sich Spiegel um Spiegel vor.

Vor allem die beiden zunächst nur grotesk anmutenden Hauptfiguren profitieren von dieser subtilen Technik und erscheinen am Ende, nach mancherlei Irrungen und Wirrungen, beinahe als die einzigen ‚menschlichen‘ Gestalten, während die sensations-, geld- und lustgierigen Verhaltensweisen der scheinbar ‚normalen‘ Bürger diese als die eigentlich ‚Perversen‘ entlarvt haben. Glaubt man Otto Picks Aufführungsbesprechung, erfüllten sich Seidls Intentionen in besonderer Weise, sahen sich auch die Zuschauer dieses ‚Sensationsstücks‘ durchschaut: „Das Publikum amüsierte sich. Manchmal trat betroffene Stille ein. Man schien begriffen zu haben.“

Ermutigt durch solchen Publikumserfolg, ging Seidl daran, sein ebenfalls 1930 als Bühnenmanuskript gedrucktes Drama Welt vor der Nacht. Ein Mysterium der Zukunft zu überarbeiten, in dem es, angeregt vielleicht durch die utopisch-technischen Stücke Karel Čapeks, um den politisch inzwischen höchst brisant gewordenen Antagonismus von Führerdiktatur und Kollektivismus geht, der hier den Hintergrund abgibt für einen spannenden Kampf um einen radiotelepathischen Willensapparat und die Weltherrschaft. Die filmisch-rasante, um allzu expressionistisch-pathetische und frivole Partien gekürzte und durch die suggestiv untermalende Musik des Bruders Kurt Seidl unterstützte ‚neusachliche‘ Variation Spiel um die Welt wurde mehr noch als Wirbel in der Zirbeldrüse zu einem Bühnenerfolg, mit Aufführungen im Dezember 1935 in Brünn und im März 1936 in Prag. Zweifellos trug dazu bei, daß das Stück, obwohl es keine unmittelbaren Anspielungen auf die Situation im Deutschen Reich enthält, als aktueller Zeitkommentar verstanden wurde, als Plädoyer für die Willensfreiheit des Einzelnen und als Warnung vor jeder Form der Diktatur, sei sie aristokratischer, faschistischer oder kommunistischer Provenienz. Mag man über die phantastische Erfindung „Weltwille“ heute, in einem Zeitalter mediengesteuerter Massenmanipulation, vielleicht auch lächeln, so ist die Botschaft selbst doch noch immer aktuell, ebenso wie die mit ihr verknüpfte Frage nach der moralischen Verantwortung des Forschers für die Folgen seiner Ideen. Welche Zivilcourage Seidl seinerzeit bewies, läßt Max Brod in seiner Besprechung der Brünner Uraufführung ahnen, wenn er schreibt, der „junge sudetendeutsche Dichter, dessen Romane sich durch kämpferisches Angehen der heikelsten Probleme [...] auszeichnen“, trage „kein Bedenken, auch in seinem neuen Drama eine Frage zu stellen und eine Antwort zu geben, die beide geistige Unabhängigkeit hohen Ranges verraten“:

Wie steht es um die Diktatur einer „Führerpersönlichkeit“, die jeden Willen der Untertanen dem einzigen eigenen Wollen unterwirft? Und wie ist es mit dem Gegenpol dieser Ideologie, mit dem Kollektivismus bestellt, der die Masse regieren lassen will? Walter Seidl verwirft die beiden heute so aktuellen Lösungen zugunsten einer dritten. Im Schlußbild seines Dramas verkündet der Held durch sein Testament an die Menschheit, daß die Verwirklichung seiner diktatorischen Pläne „den Tod alles wahren Lebens bedeutet“ hätte. Denn „der letzte, höchste, der einzige Besitz des Menschen ist die Freiheit seines Willens! Andere auch nur zum Glück zwingen wollen - Titanenwahnsinn! Nur das ist Glück, was ihr euch selbst erringt!“ - Seidl hat also den Mut, für eine Erneuerung des heute vielverlästerten Individualismus oder gar des [...] Liberalismus einzutreten. Man wird ihn zausen, wie man seit je alle selbständig Denkenden gezaust hat.

Verdient Seidls individualistische, keiner Partei dienende Denkhaltung also jeden Respekt, so gilt dies auch für die hochdramatische Umsetzung des abstrakten Entscheidungskampfes in eine abenteuerliche Spannungshandlung, die den Zuschauer durch exotische Szenerien, überraschende Positionswechsel der Hauptpersonen und eine realistisch verkürzte Sprache bis zuletzt zu fesseln vermag. Nur so konnte er seinem Appell Gehör verschaffen, wenn es für eine gesellschaftliche Wirkung auch längst zu spät war.

Mitte der dreißiger Jahre, nach zwei Romanen und zwei erfolgreich aufgeführten Theaterstücken, war Walter Seidl ein in Prag geschätzter Journalist und Schriftsteller, eine internationale Wirkung im deutschsprachigen Raum aber war ihm nach der faschistischen ‚Machtergreifung‘ in Deutschland verwehrt. Hatte er seinen Roman Romeo im Fegefeuer 1932 noch in Berlin veröffentlichen können und auch dort aufhorchen lassen, so erschienen seine (ironisch benannten) „Erlebnisse eines jungen Deutschen“ mit dem Titel Der Berg der Liebenden vier Jahre später abseits des großen Literaturbetriebs in Mährisch-Ostrau, im Verlag Julius Kittls Nachfolger, der über den Mercy-Konzern dem „Prager Tagblatt“ nahestand und inzwischen auch vielen Exilanten Asyl bot. Das „Prager Tagblatt“ warb denn auch mit mehreren Auszügen und mit Anzeigen für den neuen Roman seines Musikkritikers.

Der Roman Der Berg der Liebenden ist zweifellos das reifste und vollkommenste Werk Walter Seidls. Max Brod („Der Prager Kreis“) sah in diesem Buch gar den „Rang einer modernen Klassizität“ erreicht; „ganz überraschenderweise und offenbar nach hartem Ringen“ sei Seidl hier „zum außerordentlichen Erzähler geworden“ und habe „den Weg zu Flaubert gefunden, dessen Madame Bovary er in einem der schönsten Kapitel seines Meisterromans feiert“:

Später taucht die Violinsonate von Janáček auf, und das komplizierte deutsch-tschechische Verhältnis wird in einer ganz neuen Weise durchleuchtet, in der die autobiographisch gesehenen Jahre in einer Militärrealschule, die düstere Landschaft des böhmischen Kohlenreviers, dann der Umsturz 1918, Erlebnisse in Grenoble, kulinarische Glanzlichter, sehr viel Wein, eine seltsame Ehe zu dritt, die, wie nicht anders zu erwarten, mißglückt - zuletzt die junge nationale Lebenskraft des zur Selbständigkeit erwachten Prags, die altberühmte Kleinseite, Batas Schuh-Metropole in Zlin und das tschechische Volkslied vom Blümchen an der Soldatenmütze in das „Kommende“ einer besseren Zukunft weisen, in die Menschheits-Verbrüderung, während die Gegenwart in einer wüsten Gasthausprügelei erstickt.

So als habe er sein frühes Ende vorausgeahnt und daher ein Resümee seiner Existenz, seiner persönlichen Erlebnisse und Anschauungen geben wollen, rekapituliert Seidl in seinem Bildungsroman weithin authentisch und ohne die früheren satirischen Übersteigerungen seine bisherigen Lebensstationen und antizipiert im Schicksal seines Alter ego Hermann Kessler zuletzt noch den eigenen sinnlosen Zufallstod. Zugleich ist der Berg der Liebenden mehr als eine poetisch verklärte Autobiographie oder - wie Erik Reger meinte - ein „eigenartig bezaubernder Liebesroman“, demonstriert dieser Roman eines Deutschen aus der Tschechoslowakei, der in Frankreich seine ‚Éducation sentimentale‘ erlebt, wenige Jahre vor dem Weltkrieg noch einmal das Ideal europäischer, insbesondere deutsch-französischer und deutsch-tschechischer Völkerverständigung, und wird so beinahe zu einem „Lehrbuch der guten Manieren im Völkerverkehr“ („Lidové noviny“). Otto Pick konnte denn auch in seiner Besprechung schreiben:

Durch stetige Vergleichung von hüben und drüben entgeht dieser Hermann Kessler nationaler Engstirnigkeit und tritt als seiner staatlichen und nationalen Zugehörigkeit bewußter Europäer den politischen Verzerrungen und Verallgemeinerungen entgegen. In Dialogen und Betrachtungen, aber auch in lebendiger Erfahrung vollzieht sich diese weltliche Selbsterziehung, deren Parallelgehen mit der Gefühlserziehung den besonderen Reiz des Buches bildet.

Nicht zuletzt schließlich war es die formsichere, dem ernsten Thema kongruente Gestaltung, die den Zeitgenossen, denen Seidl längst als „eine der stärksten Hoffnungen deutscher Dichtung in Böhmen“ galt, „bereits die Erfüllung solcher hochgespannter Erwartungen anzeigte“; so heißt es im anonymen Nachruf des „Prager Tagblatts“:

Nicht nur durch die nach innerer Wahrheit strebende Zeichnung seiner Jugendjahre, seiner sudetendeutschen Bindungen, seiner Erziehungsmartern in ärarischem Drill und seiner allmählich erstarkenden Freiheit im Raum französisch-tschechisch-deutscher Wechselwirkungen, nicht nur durch dokumentarisches Festhalten typischer Situationen einer Jugend in Sturm und Drang ist Seidls letztes Buch bemerkenswert, - es bringt auch den für seine Entwicklung folgenreichen Schritt von der Satire zur Plastik der überlegen formenden, gestaltenden Hand. Wie viel Most, der sich absurd gebärdet, sprühte in seinen ersten Werken nach allen Windrichtungen [...]. Der letzte Roman „Berg der Liebenden“ packt mit starkem Griff die widerstrebenden Elemente der Verehrung und der tollen Polemik zu einer Einheit im Dienst episch klarer Linienführung zusammen. So entstand ein Kunstwerk, das Walter Seidls Namen vor der Nachwelt repräsentieren wird.

Es ist ein Buch von so bestürzend direkter persönlicher Bezugnahme, daß man die ruhige Distanz der Darstellung umso höher schätzen muß. Die starke musikalische Begabung Walter Seidls, sein treffendes unbestechliches Urteil, sein in die Technik der zu kritisierenden Werke eindringendes Talent, das er als vorzüglicher Violinspieler auch selbst übte und das sich den schwierigsten modernen Werken in tadelloser Wiedergabe gewachsen zeigte, - auch diese Seite seines Wesens ist in dem Helden des letzten Romans zu dramatischem Ausdruck gebracht. Wäre die pathetische Redeweise nicht gerade das, was unser Freund am entschiedensten ablehnte, so wäre man versucht zu sagen, daß Seidl sich in seinem letzten Roman selbst ein Denkmal gesetzt hat.

Ob Seidls „Wandlung von romantisch wilder Ironie zu klassischer Gehaltenheit“, die sich auch in der dramatischen Entwicklung abzeichnete, von Dauer gewesen wäre, läßt sich indes nur vermuten. Im Sommer 1937 brach der junge Dichter mit Freunden zu einer Schiffsreise nach Italien auf, über die er wie gewohnt im „Prager Tagblatt“ berichten wollte. In Capri erkrankte er Mitte August an Typhus, ausgelöst vermutlich durch eine Austernvergiftung; er wurde nach Neapel ins Internationale Hospital überführt, wo zu der Darminfektion eine Lungenentzündung und in der Folge Herzschwäche hinzukamen. Die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen. Walter Seidl starb am 29. August 1937 mit erst 32 Jahren in Neapel; sein Leichnam wurde Anfang September in die Heimat überführt, seine Asche auf dem Prager Urnenfriedhof beigesetzt.

In Nachrufen wurde Walter Seidls unerwarteter Tod ehrlich betrauert als ein großer Verlust für die deutschsprachige Literatur Prags und Böhmens. Durch „seinen lauteren Charakter, durch sein episch-dramatisches Talent und, nicht zuletzt, durch sein ehrliches Ringen um weltanschauliche Klärung“ habe Seidl sich „viele Freunde“ erworben, schrieb Otto Pick und zählte sich dabei gewiß mit in die erste Reihe; in seinen Werken habe Seidl „gleichsam Gerichtstag gehalten über die Freuden, Verwirrungen und Errungenschaften seiner jungen Jahre“: „Seine Zielsetzung war stets würdig und ernst. Daß sein dichterischer Weg ihn das Gebiet der Satire und jugendlich unbekümmerten Humors nicht vermeiden ließ, sicherte seinen Werken einen besonderen Reiz.“ Und im „Prager Tagblatt“ hieß es über den „Dichter, Musiker, Kritiker“, dessen „fortschreitende Entwicklung“ „noch viel Wertvolles erwarten lassen konnte“:

In Walter Seidl verliert das Kunstleben Prags eine scharf profilierte Persönlichkeit, einen Mann, der Jugend, unkonventionelle Gesinnung und Ernst der Prinzipien zu guter Wirkung verband, der für die deutschen wie für die tschechischen Kulturwerte ein untrügliches Gefühl besaß und der daher bei aller Schärfe, mit der er sich gelegentlich ausdrückte, allgemeine Beliebtheit genoß. Seine energische, dem Allgemeinwohl dienende Tätigkeit im „Schutzverband deutscher Schriftsteller“ und in der „Erzgebirgshilfe“ bleibt unvergessen. Neben dem Künstler ist es der liebenswürdige Mensch und Kollege, dessen bei der Trauernachricht in weiten Kreisen gedacht wird.

In der Neuausgabe des Romans Der Berg der Liebenden sind heute wieder beide zu entdecken: der Künstler und der Mensch Walter Seidl. Zu hoffen bleibt, daß auch seine Romane Anasthase und Romeo im Fegefeuer neu aufgelegt werden.

Dieter Sudhoff, Paderborn